Ungewollt Kinderlos? Gibt’s nicht!?

Ich wandle ja nun schon seit einiger Zeit auf dem Kinderwunschweg und seit ca. 3 Jahren auch mit medizinischer Unterstützung. Das wir auf natürlichem Wege kein Kind bekommen können, damit bin ich bzw. sind wir recht offen umgegangen. Je nach Phase mal mehr, mal weniger aber eigentlich wissen alle in unserem Umfeld irgendwie Bescheid. Nun habe ich neulich mit einer sehr guten Freundin telefoniert. Wir wohnen in unterschiedlichen Städten und sehen uns daher leider nicht sehr häufig. Ihrem zögerlichen Tonfall nach zu urteilen, wusste ich schon was kommt.

Sie ist schwanger. Bereits im sechsten Monat. Sie wollte es mir nicht früher sagen, um mich nicht zu verletzen. Das war schon kein guter Start. Ich möchte keine detaillierten Familiengründungspläne aus meinem Umfeld mitgeteilt bekommen. Das ist immer noch eine Privatsache und jeder entscheidet selbst, wann er wem was sagt. Trotzdem. Mitgeteilt hat sie mir es nur, weil sie es einem gemeinsamen Freund von uns vor einiger Zeit erzählt hatte und Angst hatte, dass ich es von ihm statt von ihr selbst erfahre. Und das ist doch schade, wenn Angst und schlechtes Gewissen die Auslöser für die Mitteilung einer Schwangerschaft sind. Eigentlich verletzt mich das viel mehr. Wie ist es denn um unsere Freundschaft bestellt, wenn sie sich nicht aus freien Stücken traut mir eine schöne und freudige Mitteilung zu überbringen? Das ich eventuell nicht mit der totalen Euphorie reagiere, hat ja mehr mit meiner Trauer um meine ungewollte Kinderlosigkeit als mit ihrem Schwanger sein zu tun. Und mit ihrem Verhalten zeigt sie mir, dass sie das bisher nicht verstanden hat. Ich fühle mich unverstanden und ausgeschlossen. Für eine Freundschaft ist das nicht gut! Den Vogel abgeschossen hat sie aber, als sie sagte „Ist denn bei Euch wirklich ausgeschlossen, dass es noch klappt? Ach das wird schon noch. Es liegt doch nur an ihm, dann mach doch einfach Samenspende!“ Isch schwör… Genau so, war die Aussage!!! Na und nu, hab ich mich gleich noch unverstandener gefühlt und musste mich gefühlt auch noch für unseren Weg rechtfertigen.

Sie lebt in einer Beziehung mit einer Frau. Da ist es biologisch nun mal ausgeschlossen, dass es auf natürlichem Wege klappt. Als ich meine erste ICSI vor über einem Jahr mit einem Negativ beendet hatte, habe ich mit beiden darüber gesprochen. Daraus entwickelte sich ein Gespräch über Familienplanung und auch darüber, ob sie denn vielleicht eine Familie gründen wollen. Daher weiß ich, dass sich beide viele Gedanken über die Wege die ihnen zur Verfügung stehen gemacht haben. Für beide war der Weg über eine Samenspende keine leichte Entscheidung. Es brauchte Zeit, bis die Entscheidung reifte und beide dazu bereit waren. Umso fassungsloser bin ich nun über diese Aussage. So als ob es das Normalste der Welt und ein Klacks wäre.

Mein Mann und ich, wir wünschen uns unser Kind. Und ja, so egoistisch sind wir gestartet dass wir uns ein leibliches Kind wünschen. Wenn es wirklich dazu kommt, dass uns die Erfüllung dieses Wunsches verwehrt bleibt sind wir sehr, sehr traurig. Und jetzt müssen wir uns dafür und auch für unsere Trauer rechtfertigen, weil suggeriert wird „Ihr seid ja selbst schuld. Gibt ja noch andere Möglichkeiten. Gene werden überschätzt.“ Ich will mich aber nicht rechtfertigen müssen. Über einwenig Verständnis unserer Situation würde ich mich freuen. Und wenn wir ihnen gegenüber schon so offen sind, dann wunder ich mich über so viel Unverständnis.

Natürlich könnten wir Samenspende als Option einbeziehen. Blöd nur, dass ein auffälliger genetischer Befund bei mir vermutlich mittlerweile eher der Grund für unseren unerfüllten Kiwu ist und nicht primär die Schwimmer meines Mannes. Ok. Kein Problem. Gibt ja auch Eizellspende. Nun ist das aber auch keine Garantie. Wenn die Schwimmer doch schlechter als erwartet sind, dann wird es auch damit nicht so einfach klappen. Immer noch kein Problem. Dann macht ihr halt eine kombinierte Eizell- und Samenspende oder gleich Embryonenspende. Ok, der Gedanke ist erstmal crazy und befremdlich aber hey was soll’s. Immerhin eine Chance auf ein Kind, wenn das kinderfreie Leben so unvorstellbar ist. Aber na gut, wenn das so gar nicht euer Weg ist, nehmt doch ein Pflegekind oder adoptiert ein Kind. Die Erde ist eh überbevölkert. Und hätte ich Probleme mit der Schwangerschaft und dem Austragen eines Kindes würde man mir eine Leihmutterschaft anraten. Und würde mir der Mann fehlen, gibt es als neueste Variante das co-parenting.

Habe ich noch irgendeine Möglichkeit vergessen? Bestimmt. Der Kinderwunsch und seine Erfüllung, das habe ich gelernt hat viele Wege und öffnet unterschiedliche Türen. Jede Tür, jeder Weg bietet ganz unterschiedliche Chancen und Risiken. Es gibt kein falsch oder richtig, schwarz oder weiß. Auch wenn das viele Menschen anders sehen mögen. Für mich ist es so. Ich könnte Menschen nicht „verurteilen“ (das Wort klingt etwas überzogen, aber mir fällt gerade kein anderes ein), wenn sie sich für einen der Wege entscheiden. Es gibt sicherlich ethische, moralische, gesellschaftliche, psychologische, soziale, politische und für den ein oder anderen auch religiöse Aspekte, mit denen man sich im Zweifel auseinandersetzen muss. Aber was am Ende bleibt ist, dass es sich immer immer immer um eine sehr individuelle Entscheidung des Paares oder eines Menschen handelt diesen oder jenen Weg zu gehen. Und keiner dieser Wege basiert auf leichtfertigen Entscheidungen. Vermutlich haben sich Eltern, die sich für einen dieser eher ungewöhnlichen Wege entscheiden tausendmal mehr Gedanken um ihr werdendes oder in die Familie kommendes Kind und dessen Wohl gemacht als so manche Menschen bei einer natürlich entstandenen Schwangerschaft. Gut. Auch das ist etwas, was man nicht verallgemeinern kann. Aber es ist bisher meine Erfahrung. Womit ich keinesfalls zum Ausdruck bringen möchte, das Eltern die auf anderem Wege zu ihrem Kind kommen im Vergleich zu Eltern natürlich gezeugter Kinder ihr Kind mehr oder weniger liebevoll aufziehen. Ich meine nur, dass ungewöhnliche Wege zu einem Kind mit mehr und tieferer Reflexion über die Entscheidung dafür oder dagegen und deren Folgen einhergehen, als ich es oftmals bei in den ersten sechs bis zwölf Monaten natürlich entstandenen Schwangerschaften oder so genannten „Unfällen“ erlebe.

Auch wenn eine Milliarde medizinische und gesellschaftliche Lösungen zur Verfügung stehen, wird die fehlende Möglichkeit ein leibliches Kind zu zeugen und auf die Welt zu bringen für mich immer ein schwieriges Problem darstellen. Und wenn die oben genannten Möglichkeiten nicht für mich in Frage kommen, dann bleibt mir nur dieses Problem zu „lösen“ in dem man einen anderen Weg findet sein Leben erfüllt und zufrieden zu gestalten. Und das ist viel leichter gesagt, als getan. Ungewollt Kinderlos? Ja, das gibt es! Und wird es immer geben, egal wieviele Alternativen scheinbar existieren.

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4 Gedanken zu “Ungewollt Kinderlos? Gibt’s nicht!?

  1. Liebe fraujanes,
    heute an diesem gruseligen Regensonntag habe ich mich hingesetzt und mich durch deinen Blog gelesen. Du gefällst mir. Ich musste oft lächeln.
    Das hier ist ein wunderbarer Post!
    Uns geht es auch so, das eben andere Möglichkeiten für uns nicht in Frage kommen. Aber die Frage nach dem Warum ist viel mehr mit Vorwurf verbunden als mit dem wirklichen Interesse daran. Denn genau: dann adoptiert halt. Tun euch die vielen Babys ohne Eltern denn nicht leid?
    Ohne Worte.
    Ich freue mich unbedingt auf mehr von dir!
    Ganz liebe Grüße von Frau Wünschdirwas :*

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  2. Liebe Frau WünschDirwas 😀

    herzlichen Dank für dein liebes Feedback!!! Das tut gut. Ätzend mit was für Vorurteilen man sich auseinandersetzen muss. Wenn das so weitergeht werde ich bzgl. das Daseins als ungewollte kinderlose Frau bald noch missionarisch zur Tat schreiten und meine Umwelt aufklären über Do’s und Dont’s 🙂 Die können sich auf was gefasst machen 😉 Der Blog hilft die Gedanken zu sortieren. Ich bin jetzt echt auf den Geschmack gekommen 🙂
    Ganz liebe Grüße zurück!
    fraujanes

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  3. Hey, ich bin erst jetzt auf Dein Blog gestoßen und habe zuallererst diesen Post hier gelesen. Der Rest kommt auch noch dran 🙂
    Das ist echt verrückt, wie sich die Reaktionen der „Anderen“ doch immer wieder gleichen. Auch ich habe solche Erfahrungen gemacht. Auch ich muss(te) mir immer wieder diese klugen Ratschläge und Tröstversuche anhören, die es letztendlich aber nur noch schlimmer machen. Niemand, der nicht selbst in dieser Situation war/ist wird es jemals verstehen können. Am Anfang unserer KiWu“Karriere“ war alles noch so aufregend und spannend und die Hoffnung so wahnsinnig groß, dass ich (wie ich heute weiß) viel zu offen damit umgegangen bin. Mittlerweile fühle ich mich oft wie eine „Aussätzige“, eine die eben nicht dazu gehört. Und die man nur bedingt an gewissen Dingen teilhaben lässt, denn das Mitleid der Anderen überwiegt oft. Und Mitleid kann ich nicht ertragen. Naja, wie dem auch sei – ich lese mich hier mal durch und bin mir sicher, wir lesen uns 🙂 Liebe Grüße Kitty

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  4. Hi, liebe Kitty! Du sprichst mir sooo aus dem Herzen. Es tut wirklich gut zu lesen, dass ich nicht allein bin mit dieser Erfahrung. Denn im Alltag fühl es sich leider oft so an. Es ist scheinbar für viele wirklich schwer nachzuvollziehen, die nicht selbst in der Situation waren. Mitleid ist so ziemlich das Dämmlichste. Das ist noch schlimmer, als gut gemeinte aber nicht hilfreiche Ratschläge. Mitgefühl und ehrliches Interesse an unserer Situation, nehme ich gerne an. Aber Mitleid? NO WAY! Das Gefühl eine „Aussätzige“ zu sein, kenne ich nur zu gut. Es ist schwer, damit umzugehen. Bei uns ist der Kontakt zu einigen Bekannten abgebrochen. Momentan befinden sich in unserem Leben v.a. Menschen, die uns teilhaben lassen und uns nicht ausschließen. Seit unserer medizinisch unterstützten KIWU-Phase, ist der Kontakt zu der Fraktion „Kinder sind das tollste auf der Welt. Ich weiß nicht, was ich zu Dir sagen soll. Meld Du Dich doch einfach, wenn Du willst.“ weitestgehend eingeschlafen. Und das ist für mein seelisches Gleichgewicht definitiv besser. Wir lesen uns auf jeden Fall 🙂 Ich komm Dich bald mal besuchen. Liebe Grüße, fraujanes

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